Handelsbilanz und Steuerbilanz – Warum gibt es zwei Bilanzen?
Viele Unternehmen in Deutschland müssen zwei verschiedene Bilanzen erstellen: die Handelsbilanz nach HGB und die Steuerbilanz nach Steuerrecht. Beide bilden dieselbe unternehmerische Realität ab – aber nach unterschiedlichen Regeln und zu unterschiedlichen Zwecken.
Die Handelsbilanz dient der Information von Gesellschaftern, Gläubigern und der Öffentlichkeit. Die Steuerbilanz dient der Gewinnermittlung für das Finanzamt. Seit dem BilMoG (2009) bestehen erhebliche Unterschiede zwischen beiden.
Das Maßgeblichkeitsprinzip
Historisch galt in Deutschland das Maßgeblichkeitsprinzip: Die Handelsbilanz war die Basis für die Steuerbilanz. Durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) von 2009 wurde dieses Prinzip stark eingeschränkt. Heute bestehen zwischen Handels- und Steuerbilanz erhebliche Bewertungsunterschiede.
Unterschiede im Überblick
| Kriterium | Handelsbilanz (HGB) | Steuerbilanz (EStG/KStG) |
|---|---|---|
| Zweck | Information Dritter (Gläubiger, Gesellschafter) | Steuerliche Gewinnermittlung |
| Grundsatz | Vorsichtsprinzip (Imparitätsprinzip) | Leistungsfähigkeitsprinzip |
| Immaterielle Vermögensgegenstände (selbst erstellt) | Aktivierungswahlrecht (seit BilMoG) | Aktivierungsverbot |
| Abschreibung GWG | Planmäßige AfA | Sofortabschreibung bis 800 € netto |
| Rückstellungen | Abzinsung mit marktüblichem Zinssatz | Abzinsung mit 5,5 % p.a. |
| Aktive latente Steuern | Ansatzpflicht/-wahlrecht | Nicht relevant |
| Pensionsrückstellungen | Marktzinssatz (7-Jahres-Durchschnitt) | 6 % Rechnungszinsfuß (§ 6a EStG) |
Latente Steuern
Die Unterschiede zwischen Handels- und Steuerbilanz führen zu sogenannten latenten Steuern. Diese repräsentieren zukünftige Steuerbe- oder -entlastungen, die entstehen, weil sich bestimmte Bilanzpositionen in Handels- und Steuerbilanz unterschiedlich entwickeln.
- Aktive latente Steuern: zukünftige Steuerentlastung (Aktivseite)
- Passive latente Steuern: zukünftige Steuermehrbelastung (Passivseite)
Praktische Konsequenzen
In der Praxis erstellen mittelgroße und große Kapitalgesellschaften oft beide Bilanzen parallel – entweder in einer einheitlichen Buchführung mit steuerlichen Korrekturbuchungen oder in getrennten Systemen. Viele Steuersoftwarelösungen (z. B. DATEV) unterstützen die automatische Überleitung von der Handels- zur Steuerbilanz.